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Heirat in Usbekistan: Spagat zwischen Tradition und Moderne

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Es gibt sie in jedem Haus. Man sieht sie überall auf den Straßen, auf den Basaren, manchmal fest zusammengeschnürt auf Autodächern, die unter ihrer Last fast zu zerbrechen drohen. Mal holz-antik, mal kitschig-glitzer.

Sie sind Symbol für Tradition, Symbol für Wandel, sowohl Symbol für die Gemeinschaft wie auch gleichzeitig für den Riss, der durch Usbekistan geht.

Sunduk – die Aussteuertruhen

Sunduk, usbekische Hochzeitstruhen, gefüllt mit Stoffen

Sunduk, usbekische Hochzeitstruhen, gefüllt mit Stoffen

Familie und Heirat in Usbekistan

Die kommende Hitze des Tages erahnt man schon in der flimmernden Luft der Morgensonne. Auf den staubigen Straßen der Mahalla sind nur wenige Menschen und ein paar streunende Hunde unterwegs. Das Leben in diesen frühen Morgenstunden beschränkt sich auf die hinter den mächtigen Toren verborgenen Innenhöfe.

Es ist gerade mal halb 7 morgens und selbst in meinem luftigen Shirt spüre ich die kommende Tageshitze. Während meine Gastmutter draußen im Innenhof an der Kochstelle das Wasser für den Tee erhitzt, rolle ich im Wohnzimmer die geblümten Baumwollmatratzen aus, die auch als Schlafstätte dienen. Nachdem die großen schweren Kissen, in die man sich so herrlich hineinkuscheln kann an die Wand angelehnt als Rückenstütze dienen, bestücke ich das niedrige Holztischchen mit seinen eleganten Schnitzereien mit dem Frühstück: frisch gebackenes non (usbekisches Brot), Butter, Melonen, Tomaten und Gurken.

Meine Gastmutter, eine kleine zierliche Frau, deren schlanke Gestalt sich unter dem voluminösen Blumenkleid nur erahnen lässt, gießt bedächtig den Tee ein. Ihre dunklen Augen, warm und herzlich – und dennoch immer sorgenvoll. Sie scheint sich um alle Sorgen zu machen: um ihre Töchter, ihren Mann, ihre Studenten an der Uni, aber um meisten macht sie sich Sorgen um ihren Sohn.

„Er ist doch schon 25…“, ratlos schüttelt sie den Kopf und die Augen noch sorgenvoller, „schon 3 Mädchen, die wir ihm präsentiert haben, hat er abgelehnt!“. Ihr Blick schweift zu den großen Holztruhen am Ende des sonst leeren, nur mit orientalischen Teppichen ausgelegten Wohnraumes. Wie ein Mahnmal stehen sie da, fast bedrohlich – eine beständige Ermahnung an den Sohn seine Pflicht zu erfüllen … und eine nicht minder unerbittliche Erinnerung an ihr eigenes Unvermögen die passende Braut zu finden.

„Vor 5 Jahren fing ich an die sunduk zu füllen…“, ihr Blick wandert von den Truhen nach draußen (durch die zimmerhohen Fenster hat man einen wunderbaren Blick auf den begrünten Innenhof), resigniert zeigt sie auf die Kuh und das Schaf im Innenhof, die beide genüsslich wiederkäuen. „Die werden auch nicht jünger. Bald müssen wir sie schlachten – und wenn er bis dahin noch keiner Braut zugesagt hat … das ganze Fleisch! Und dann müssen wir erst wieder Geld aufbringen… und was ist wenn ihn keine mehr will? Immerhin ist er schon 25…”

Vor einigen Tagen schon lief unser Gespräch auf dieses Thema hinaus. Mein Gastbruder, der anwesend war, grinste verschmitzt und meinte mit einem Augenzwinkern: “Das Mädchen, das ich einmal heirate, ist noch nicht geboren…”. Woraufhin meine Gastmutter mit den Augen rollte und ihm einen Blick zuwarf, der Bände sprach – sein schelmisches Grinsen jedoch nur breiter wurde.

Sie holt tief Luft, gefolgt von einem langen sehnsüchtigen Seufzer: „Die Mädchen waren alle so lieb und fleißig… ich hatte mich so gefreut endlich eine kelin im Hause zu haben, die den Haushalt führt, und ich meine müden alten Füße hochlegen kann. … verstehst du?“ Mühevoll richtet sie sich auf als ob sie die letzten Minuten um Jahre gealtert wäre.

Ich nicke, langsam beginne ich wirklich zu verstehen. Die Heirat ist nicht nur die Verbindung zweier Familien, sie ist eine große wirtschaftliche Transaktion zur Sicherung und Erweiterung der sozialen Netzwerke und gleichzeitig eine Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung.

Der Sohn bleibt nach der Hochzeit im Hause seiner Eltern, kümmert sich um das finanzielle Einkommen und den Ausbau des Anwesens während seine Braut den Haushalt führt, die Kinder erzieht, sich um die Schwiegereltern kümmert, und zusammen mit ihrem Mann die sozialen Netzwerke in der Mahalla aufrechterhält und weiter ausbaut. Sie fügt sich den Regeln und Vorstellungen der Schwiegermutter – denn es ist immer noch deren Haus und Hof – arbeitet von der frühen Morgenstund bis zum Sonnenuntergang. Das Leben in Usbekistan ist hart. Die Sonne und Trockenheit unerbittlich. Gartenarbeit ist kein entspannendes Hobby sondern notwendig und es fordert viel Mühe dem kargen Boden nahrhaftes Gemüse und Obst zu entlocken. „Freizeit“ ist ein Wort wie aus weiter Ferne – so fremd und unerreichbar wie „Waschmaschine“.  „Urlaub“ und „entspannendes Bad in der Wanne“ klingen so schillernd-mystisch wie „Spülmaschine“

… bis sie irgendwann selbst Herrin des Hauses ist und hoffentlich, so Gott will, ihr Sohn eine kelin ins Hause bringt, die sie ablöst.

Meine Gastmutter reißt mich aus meinen Gedanken “Ich hab Kolleginnen an der Uni angefragt, Kupplerinnen engagiert … alles bisher nichts genutzt – meinst du, ich finde etwas im Internet?” Ohne auf meinen verblüfften Blick zu reagieren, holt sie ihr Handy hervor “Ich texte gleich mal meinen Freundinnen … vielleicht wissen die was…”.

*

Clash of Generations: Spagat zwischen Tradition und Moderne

Den richtigen Partner finden – in jedem Land der Welt ein zentrales Thema. In Usbekistan ist es nicht anders … außer mit dem Unterschied zum heutigen Europa, dass die Eltern, v.a. die Mutter, ein großes Mitsprache- wenn nicht sogar Entscheidungsrecht haben.

In Usbekistan geht es um den Spagat zwischen Tradition und Moderne, um die Kluft zwischen Stadt und Land und um den Konflikt der Generationen.

Während sich meine Gastmutter eine fleißige, bodenständige und praktisch veranlagte Schwiegertochter wünscht, träumt mein Gastbruder, der in der Industrie einen relativ gut bezahlten Job hat, von einem weltoffenen  Mädchen, mit der er diskutieren, lachen und reisen kann.

Während andere ihre Söhne so sehr unter Druck setzen, dass diese sich schließlich dem Willen ihrer Mutter beugen, so will meine Gastmutter ihrem Sohn die Wahl lassen – schließlich hat auch sie damals aus Liebe geheiratet.

Dabei gibt es ein große Spannung nicht nur zwischen den Generationen sondern auch zwischen Stadt und Land.  Das Leben auf dem Land erfordert andere Fähigkeiten als das in der Stadt und umgekehrt. Während die einen nach weltoffenen, gebildeten Partnern suchen, wollen die anderen Traditionen bewahren. In den Diskussionen darüber ist vor allem zentral: Welche Eigenschaften machen einen “guten (Ehe-)Mann” und welche eine “gute (Ehe-)Frau” aus? Was macht einen Usbeken / eine Usbekin aus? Den oder die “richtige” zu finden schien nie so schwierig wie heute.

Ideen von Heirat und Ehe – “Ich verstehe die Usbeken nicht mehr”

Gerade diejenigen, die im Ausland gelebt haben, scheint es besonders hart zu treffen. So z.B. der 26-jährige Sharzod: zwei Jahre hat er in Großbritannien studiert, Freundschaften geschlossen, sich verliebt und getrennt, das gemeinsame Kochen unter Freunden als Abend-Aktivität zu schätzen gelernt. Nun ist er zurück in Usbekistan. So weitermachen wie bisher ist nicht möglich: “Die Mädchen denken immer gleich ich wolle sie heiraten, nur weil ich aus Freundschaft einen Kinobesuch oder gemeinsames Kochen vorschlage. Und die Männer hier? Engstirnige Machos!” Resignierend lässt er die Hände sinken “seit ich zurück bin fühle ich mich völlig fehl am Platze.” In seiner Kleidung und Körperhaltung wirkt er auf mich wie ein Brite durch und durch. Sharzod seufzt und rückt seine Sonnenbrille zurecht: “Ganz ehrlich…ich verstehe die Usbeken nicht mehr.”

Nodir nickt zustimmend. Er ist 30, hat in Dänemark und Schweden in einer internationalen Firma gearbeitet, seit über einem Jahr wieder zurück in Usbekistan. Er wollte immer aus Liebe heiraten wie seine Eltern. “Sie haben sich beim Theaterspielen an der Uni kennengelernt.” Seine Augen leuchten als er von ihrer Liebesgeschichte erzählt. Doch ihm scheint es nicht gegönnt zu sein. Die “Richtige” hat er noch nicht gefunden. Nun denkt er über eine arrangierte Heirat nach, seine Mutter und Tanten hat er schon mit der Suche nach einer passenden kelin beauftragt…

Die beschriebene Diskrepanz wird in vielen usbekischen Filmen verarbeitet  – meist überspitzt in Form einer Komödie dargestellt.  Für die Betroffenen in der Realität ist es jedoch alles andere als eine Komödie…

Hier der Soundtrack und Trailer zum usbekischen Film “Superkelinchak” der Sängerin Ziyoda, in dem der Spagat zwischen Tradition und Moderne und der Clash der Generationen thematisiert wird:

Dieser Text beruht auf den Erlebnissen und Interviews, die ich während meinen Aufenthalten in Usbekistan zwischen 2009 und 2012 geführt habe. Es war ein Thema, das fast jede Konversation geprägt hat – egal welches Geschlecht oder Alter.

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