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Volk, Kulturkreis, Ethnie – Unworte der Ethnologie

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Das Spiel der Worte – vom Erschaffen der Welt und warum man sich als Ethnologe manchmal wie Indiana Jones im Tempel des Todes fühlt…

Die ersten Semester des Ethnologie-Studiums glichen einem Tabu-Marathon. “Die Ethnologie befasst sich mit Völke…, ich meine mit Kulturen… nein… mit Ethnien…? …also was ich sagen wollte…?”
Bei jedem Referat, jeder Hausarbeit fühlte man sich wie Indiana Jones im Tempel des Todes: Tritt nur auf eine der falschen Bodenplatten (aka Unwort der Ethnologie) und du stürzt in die Untiefen der Unwissenschaftlichkeit und damit des professionellen Versagens. Bisweilen fühlte man sich auch wie im Gebiss eines Haifisches…

Wenn ich mittlerweile über Worte wie: Volksstamm, Kulturkreis, Naturvolk, ursprünglich, archaisch, Naturreligion, primitiv, … stolpere, krümmt sich mein Ethnologenkörper fast unweigerlich vor Schmerzen.

Warum so könnte man sich fragen, spielt es eine Rolle, ob ich “Volk” oder “Kulturkreis” oder “Ethnie” sage? Ist doch egal wie ich das Kind beim Namen nenne – ist ja wohl offensichtlich worum es sich handelt!
… ist es das?

Die Ethnologie ist eine Wissenschaft und als solche seziert sie die „offensichtliche Welt“ – das Beobachtbare, das allgemein als Wahrheit Angenommene – stellt alles auf den Kopf, zerlegt es in kleine Stücke und schaut nach was sich hinter der offensichtlichen Fassade befindet.

Denn die Worte, die wir verwenden, bilden nur selten die Wirklichkeit ab wie sie ist – in den meisten Fällen erschaffen wir die Welt mit unseren Worten …

Kulturkreis

Ein gern genutzter Begriff in journalistischen Texten und – was noch dramatischer ist: in Interkulturellen Trainings!
Aber auch im Alltag wird er dieser Tage gerne verwendet um ein Verhalten zu erklären: „Er kommt aus einem anderen Kulturkreis!“
Mhm.
Wissen wir um das Herkunftsland, bilden sich bei dem Satz in unseren Köpfen sofort etliche Assoziationen zu dem Begriff Kulturkreis und welche Verhaltensweisen damit verknüpft sein können.
Aber…
Was ist denn eigentlich ein Kulturkreis genau?
Halte kurz inne und versuche dich an einer Definition…

Kulturkreis - Unwort der Ethnologie

Ich vermute du bist ganz schön ins Straucheln gekommen!

Was das einfache, jedoch zugleich Problematische an diesem Begriff ist?
Es ist so herrlich unspezifisch!
Wir können alles in diesen Begriff hineinpacken wie es uns grade beliebt ohne irgendwie konkret werden zu müssen. Und dennoch weiß mein Gesprächspartner sofort (vermeintlich) was ich meine.

Nehmen wir einmal den „asiatischen Kulturkreis“: Da wäre erst einmal zu klären wo dieser Kreis anfängt und wo er aufhört. Reicht er von Indien über China, Korea, Vietnam bis nach Indonesien und Thailand hinunter? Zählt die Mongolei dazu? Allein schon die geographische Spannweite macht deutlich wie problematisch der Begriff ist. Wenn wir uns dem religiösen Bereich zuwenden, wird es noch offensichtlicher.
Welche Religion verbinden wir mit „Asien“?
Hier kommt meist als erstes Buddhismus und Hinduismus in den Sinn.
Das ist zum Teil richtig. Aber. Zum einen gibt es verschiedene Varianten des Buddhismus – und nicht alle erkennen den Dalai Lama als ihr spirituelles Oberhaupt an. Und selbst in Tibet finden sich verschiedene Traditionslinien des Buddhismus, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Daneben finden wir im asiatischen Raum auch Anhänger von Taoismus, Shintoismus, Christentum und viele kleinere Religionsgemeinschaften.
Und wo findet man die größte Anzahl von Muslimen? Ja, genau: in Asien!

Manche Interkulturelle Trainings sprechen auch vom „Chinesischen Kulturkreis“. Da freut man sich: ist doch der geographische Kreis etwas enger gezogen. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich aber auch das als Illusion, denn was sollen die Charakteristika dieses Kulturkreises sein?
Denn: In China leben nicht nur etwa 20 Millionen Muslime, womit die Volksrepublik zu den größeren „muslimischen Staaten“ gehört, sondern auch eine Vielzahl an “ethnischen Minderheiten”, deren Zahlen sich im Millionenbereich bewegen. …mal ganz abgesehen davon, dass es enorme Unterschiede zwischen dem Leben in der Stadt und auf dem Land sowie davon dass die heutigen Landesgrenzen dieser „Nation“ nicht mit denen der vergangenen Jahrhunderte übereinstimmen 

“Kulturen” als geschlossene, nicht veränderliche Systeme?

Genau hier setzt das Problematische an: Wir ignorieren mit der Verwendung des Begriffes die historisch gewachsenen Begebenheiten jeder einzelnen Region – die sich bedeutend von einander unterscheiden können.
Zudem impliziert der „Kreis“ als Bild eine Geschlossenheit nach innen und eine klare Abgrenzung nach außen. Es entsteht der Eindruck, dass es „dort“ keinen Austausch und keine Entwicklung gibt – und dass in „jenem – uns fremden – Kreis“ alle Mitglieder dieselben Wertvorstellungen und Handlungsmuster haben.

Handelt ein Lagerarbeiter aus dem bayrischen Hochland nach denselben Werten wie ein Akademiker aus Hamburg? Oder sehen eine Managerin, die in einer wohlhabenden Unternehmensfamilie in der Stadt aufgewachsen ist, und eine Frau vom Dorf, die aus einer Bauern- oder Arbeiterfamilie kommt und als Heilpraktikerin tätig ist, die Welt mit denselben Augen und setzen dieselben Prioritäten? 
Wir schließen demnach die unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus, Subkulturen und Bildungsniveaus innerhalb der jeweiligen Gesellschaft sowie die gemachten Lebenserfahrungen des Einzelnen aus unserer Erklärung aus.

Gravierender ist jedoch noch, dass die Vorstellung entsteht, dass Kulturkreise niemals miteinander verschmelzen bzw. sich zu einander öffnen können. Eher prallen sie gegeneinander – weil sie ja anscheinend so unterschiedlich sind. Genau dieses Bild nutzte Samuel Huntington in seinem Buch „Clash of Civilizations“ (dt.: „Kampf der Kulturen“) und schwört ein Konfliktpotenzial hervor, das er an „Kulturkreisen“ festmacht, die er teils im Religiösen, teils im Geographischen begründet sieht. Und obwohl seine Thesen schon mannigfaltig widerlegt worden sind, wird er immer noch rezipiert!

Und zu guter letzt: 

Im Zuge der Globalisierung scheint es noch viel realitätsferner zu sein von bestimmten „Kulturen“ und Nationalitäten zu sprechen – wir leben in einer nie da gewesenen Heterogenität. Nicht nur Migration sondern auch Transnationale Phänomene gehören zu unserem Alltag: 

Menschen mit gleichen Interessen und ähnlichen Weltanschauungen – seien es Großunternehmer, Künstler, Akademiker, Yogis, Steampunk-Hobbyisten, Öko-Spiritualisten (oder weniger harmlos: Technokraten oder Fundamentalisten jeglicher Couleur) – können mithilfe des Internets und der Möglichkeit des schnellen Reisens eine engere Beziehung zu einander aufbauen, Ideen austauschen und sich in ihren Wertvorstellungen bestärken als mit den Nachbarn eine Türe weiter. 

Und gleichzeitig scheint der Rückgriff auf “Nationalität” als Identitätskategorie noch weiter zuzunehmen! … das ist aber ein anderes Kapitel…

*

Naturvölker: primitiv und archaisch

Der Hattrick unter den ethnologischen Unworten

… und gebt es zu: das lieben wir Reisenden doch bei unseren Reisezielen am meisten – alles soll möglichst ursprünglich, naturnah, und damit „authentisch“ sein!
Nicht von ungefähr liest man bei Reiseveranstaltern oder auf Reiseblogs so ähnliche Sätze wie folgender: „Hier sieht alles noch ein bisschen authentischer, roher und einfach ursprünglicher aus.“ (Zitat aus einem BlogPost über eine Stadt in Spanien)

Worte sind nicht nur Worte – hinter ihnen stecken oft komplexe Gedanken und sagen mehr über uns selbst aus als über unser Gegenüber.

So ist es auch mit den Begriffen Naturvölker – primitiv – archaisch: Sie haben mehr mit unserer eigenen Gesellschaft / unserer (europäischen) Weltsicht zu tun als mit den von uns beschriebenen ‘Völkern’ (Achtung: Unwort der Ethnologie!).

Diese Begriffe haben eine lange Tradition: Sie stammen aus den Anfängen der Ethnologie, die auf den Reiseberichten von Missionaren und Entdeckern des 15. bis 17. Jh. sowie den philosophischen Schriften der bekannten Gesellschaftstheoretikern des 18. Jh. basieren.

Begegnungen mit dem „Fremden“ erweisen sich oft als Spiegel des eigenen Selbst. Daher führten Begegnungen mit den Gesellschaften neu entdeckter Gebiete auch zur Beschäftigung mit der eigenen Herkunft und Entwicklung. Aufgrund ihrer Technik und dem Fakt, dass die Bewohner der neu entdeckten Gebiete keine Schrift und keine „Staatlichkeit“ besaßen, erlebten sich die Europäer als überlegen und als den Höhepunkt eines langen Entwicklungsprozesses. Doch gleichzeitig sahen sie die sozialen Missstände der eigenen Gesellschaft nur zu deutlich vor sich. Die Bekanntschaft mit „Herrschaftslosen Naturvölkern“ regte in Europa intensive Debatten über Freiheit, Gleichheit und alternative Regierungsformen an.

Zeitreise zu den Ersten…

„Primitiv“ hatte zunächst keine genuin minderwertige Bedeutung. Dem Wortursprung nach bedeutet es etwas, das am Anfang einer Entwicklung steht – von lat. Primus: dem Ersten. Den Aufenthalt bei „den Wilden“ betrachtete man daher wie eine Zeitreise zu den Ursprüngen der Menschheit. Man ging davon aus, dass sich der Mensch in evolutionären Stufen weiterentwickelt – vom Geschichts- und schriftlosen Naturvolk hin zu komplexeren Organisationsformen bis hin zu aufgeklärten Nationalstaaten = „Kulturvölkern“. Die wenig hierarchisierten und „naturnahen“ Gesellschaften galten somit als Abbilder der frühen Geschichte der Menschheit. 

Die „Wilden“, die im Einklang mit der Natur lebten, an Geister und Magie glaubten, waren in dieser Sichtweise näher am Ursprung – und an Gott – als die komplexeren Gesellschaften. Bei ihnen gab es keine Ungleichheit oder Ungerechtigkeit. Besonders fasziniert war man von deren minimalistischer und scheinbar sorgenfreier Lebensweise, ihrer Gastfreundlichkeit als auch der scheinbar sexuellen Freizügigkeit, die so ganz im Gegensatz zum gesellschaftskonformen Verhalten in Europa stand: Der Mythos vom „edlen Wilden“ und „Naturvolk“ war geboren. Voltaire und Rousseau nutzten dieses Bild um Zivilisationskritik zu üben und mit ihren Gesellschaftstheorien bedeutende Impulse für die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat in Europa zu setzen.

Dieser Gedanke eines sozialen Evolutionismus – und das Bild vom edlen Wilden, mit dem man Kritik an der eigenen Gesellschaft übte – war nicht neu und findet sich schon bei Philosophen und Ethnographen der Antike. Der römische Gelehrte Tacitus (50 n.Chr.) beschreibt die Germanen, die sich im dunklen, nebelverhangenen, sumpfigen Gebiet jenseits der Alpen und des Rheins niedergelassen hatten als bodenständiges, naturnahes und freiheitsliebendes „Volk ohne Falschheit“. Im gleichen Atemzug kritisiert er die römische Dekadenz als auch die grassierende Korruption im Reich (Helmchen, 2005: 177f.).  Und bei Hesiod (700 v. Chr.) findet man in seiner Weltalterlehre die Vorstellung über ein Goldenes Zeitalter, wo der Mensch in seinem Urzustand noch „gut“ gewesen sei, und welches dann aber mit einer Katastrophe endete und dazu führte, dass sich der Mensch immer mehr von seinem Ursprung entfernte (Vgl. Hall, S. 6 f.). Das Judentum, das Christentum und der Islam kennen das als den Rauswurf von Adam und Eva aus dem Garten Eden.

Mit zunehmender Industrialisierung und beginnendem Imperialismus jedoch wandelte sich das Bild zunehmend vom „Edlen Wilden“ hin zum trägen, von der Natur abhängigen Wilden ohne bewussten Willen, ohne Disziplin und Ehrgeiz. Man sah sie als Kinder, die man erziehen und denen man die Errungenschaften der Zivilisation bringen musste. Die Begriffe „primitiv“, „archaisch“ und „Naturvolk“ hatten nichts romantisch Verklärtes mehr. (Vgl. Kohl, S.20 f.) Es diente den politisch und wirtschaftlich Mächtigen als Legitimation zur Eroberung und Ausbeutung.

Und auch wenn Gelehrte und Ethnographen dieser Zeit bemüht waren ein objektives Bild der jeweiligen Gesellschaft zu zeichnen so waren sie vor den eurozentrischen Überlegungen ihrer Zeit doch nicht ganz gefeit. So entwickelten beispielsweise Gelehrte der Wiener und der Kölner Schule die Kulturkreislehre, die zwar den schriftlosen Gesellschaften auch eine Geschichte und damit Entwicklung zugestand, aber einen dennoch stark evolutionistischen Einschlag hatte: „Kultur“ wurde als biologischer Organismus begriffen und die einzelnen Entwicklungsstufen mit dem Heranwachsen des Menschen verglichen. Darüber hinaus hatte Leo Frobenius – einer der bekanntesten Vertreter dieser theoretischen Richtung – in Afrika mit der Kolonialverwaltung zusammengearbeitet, deren disziplinarische Maßnahmen wie Ohrfeigen und Prügel gegenüber „den Primitiven“ er durchaus billigte. Seine Schriften triefen geradezu vor europäischem Überlegenheitsgefühl. Die Einheimischen, denen er begegnet, beschreibt er als Kinder, die „launisch“ und voll des „Spieltriebes“ einfach ihre Arbeit niederlegen. Er führt weiter aus:
„Somit muss es die Aufgabe Europas sein, das Erziehungswerk zu übernehmen. Aber wenn Europa es vergisst, dass die Neger verderben, wenn sie nicht erzogen werden, dann ist es eine schlimme Sache um die Zukunft des Negertumes.“ (Frobenius, 1907: S.108)

Man muss darauf hinweisen, dass Frobenius schon zu Lebzeiten heftig umstritten war und die Debatten um ethische Grundsätze der ethnologischen Wissenschaft mit jeder Generation intensiver wurden.

Wer aufmerksam zuhört, wird die genannten Konnotationen – Nuancen zwischen Idealisierung und Abwertung – auch in der heutigen Zeit ohne Mühe wiedererkennen!

Als trauriges Beispiel ein Artikel der SZ aus dem Jahr 2010

Interessant auch die Linksammlung von Ethnologe Lorenz K. in seinem Artikel Wie findet man Naturvölker?

*

Fazit

Nur weil wir ein Wort verstehen, nehmen wir an wir verstünden die Wirklichkeit wie sie tatsächlich ist. Doch Begrifflichkeiten – Kategorien – sind trügerisch. Sie basieren auf unseren bisherigen Erfahrungen, auf Gehörtes oder Gelesenes und sind dadurch gefärbt von assoziierten Gefühlen. Mit dieser Brille färben wir unsere Wahrnehmung und blenden aus was nicht zu unserem Verständnis eines Phänomens gehört – und im Handumdrehen haben wir ein Urteil gefällt. Ein Vorurteil.

Hinterfragen, hinter die Fassaden blicken und die Färbung der eigenen kulturellen Brille prüfen!

Coming Soon

 Die “Unworte” Volk & Ethnie werden in einem separaten Artikel behandelt.

 

Literaturhinweise

Hahn, Hans Peter
2013 Ethnologie: Eine Einführung. Suhrkamp Verlag.

Kohl, Karl-Heinz
2012 Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden: eine Einführung. 3., überarbeitete Auflage. München: C.H.Beck.

Fiedler, Matthias
2005 Zwischen Abenteuer, Wissenschaft und Kolonialismus: der deutsche Afrikadiskurs im 18. und 19. Jahrhundert. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag.

Hall, Anja
2008 Paradies auf Erden?: Mythenbildung als Form von Fremdwahrnehmung : der Südsee-Mythos in Schlüsselphasen der deutschen Literatur. Würzburg: Königshausen & Neumann Verlag.

Helmchen, Annette
2005 Die Entstehung der Nationen im Europa der Frühen Neuzeit: ein integraler Ansatz aus humanistischer Sicht. Bd.: Freiburger Studien zur Frühen Neuzeit. Bern: Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften.

Frobenius, Leo
1907 Im Schatten des Kongostaates; Bericht über den Verlauf der ersten Reisen der D. I. A. F. E. von 1904-1906, über deren forschungen und Beobachtungen auf geographischem und Kolonialwirtschaftlichem Gebiet, mit 8 Kartenblättern, 33 Tafeln und ca. 318 Illustrationen und Geländedarstellungen im Text; Berlin: Georg Reimer Verlag.

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