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Taizé Abendandacht

Taizé: Wo die Seele singt

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Taizé: ein romantisches Dörfchen im französischen Burgund, inmitten von Weinreben und Kuhweiden – warum strömen jedes Jahr zigtausende junge Menschen aus allen Ländern der Welt hierher?

Taizé als der lebende Beweis: Unmöglich? Utopisch? – Gibt es nicht!

Dieser Ort ist für mich nicht nur ein inspirierendes Beispiel für eine visionäre, internationale Gemeinschaft sondern auch dafür was ein einzelner Mensch mit einer Vision und einem unbeirrbaren Glauben erschaffen kann.

Taizé ist ein Ort der Liebe, des lebendigen Austauschs über die essentiellen Fragen des Lebens, ein heilsamer Ort, wo sich die Kraft der Musik durch alles hindurchzieht. Es ist ein gleichsam friedvoller wie pulsierender Begegnungsort für junge – und jung gebliebene – Menschen aus aller Welt.

Begonnen hat es mit 4 rebellischen Theologie-Studenten während des Zweiten Weltkriegs.

Romantisches Haus in Taizé bzw. Ameugny
Romantisches Haus in Taizé bzw. Ameugny

Das letzte Mal war ich zu Beginn meines Studiums hier, vor vielen vielen Jahren. Ich liebte die internationale Atmosphäre, die Lebendigkeit, den Austausch mit Menschen aus anderen Erdteilen über den Sinn des Lebens. Und ich fühlte mich erfüllt von dem Friede, den dieser Ort ausstrahlt.

Doch ich war auch dabei als das Undenkbare geschah. Bin ich deswegen seither nicht mehr hier gewesen?

Wie wird es jetzt sein? Hat sich Taizé nach dem Tod des Gründers verändert? Und dann haben wir Frühjahr 2022 – der zweite Winter-Lockdown liegt grade erst hinter uns. Was wird wohl nach der Corona-Zeit von Taizé übrig geblieben sein?

Romantischer Baustil in Taizé

Taizé – wie alles begann: die Rebellen des Friedens

Stell dir vor, um dich herum tobt ein heftiger Krieg: Weltmächte, die sich gegenseitig bebomben, Städte liegen in Schutt und Asche. Hass und Verfolgung wo man nur hinsieht. Du selbst jedoch hast den Traum von Frieden. Und nein, du bist kein Superheld, sondern seit deiner Kindheit gesundheitlich angeschlagen, kränklich, dein Gemüt ist sanft und eher zurückhaltend.

Der damals 25-jährige Theologiestudent Roger Schütz zog 1940 mit dem Fahrrad los, die neutrale Schweiz zu verlassen, um für sich eine neue Form des christlichen Glaubens zu finden. Er weiß noch nicht wohin ihn die Reise führen wird. Inmitten von Krieg, Hass und Spaltung zieht er los um für die Schwachen da zu sein, im Hinterkopf die Idee eine Gemeinschaft aufzubauen, die sich für Frieden und Versöhnung einsetzt. Mit einem Kredit kauft er ein Gehöft im kleinen Taizé, das zu der Zeit fast ausgestorben war. Schon bald wird sein Hof eine Transitstation für Geflüchtete. Er bietet jüdischen Flüchtlingen eine Herberge und Hilfe bei der Weiterreise in die neutrale Schweiz.

Bald gesellen sich 3 weitere Theologiestudenten dazu, die wie er einen Glauben der Versöhnung leben wollen, einen Glauben, der Verbindung schafft und für die Schwächsten der Gesellschaft da ist. Bald schlossen sich katholische Gläubige der Gemeinschaft an. Sie waren Rebellen – Rebellen der Liebe und der Versöhnung, denn „Ökumene“ im Sinne der Verbrüderung von Katholiken und Protestanten war damals in kirchlichen Kreisen eher ein Schimpfwort. So wurde die Communauté von Taizé die erste ökumenische Brüdergemeinschaft der Kirchengeschichte.

Mittlerweile besteht die Communauté aus etwa Hundert Mönchen aus über 30 Nationen. Nicht alle von ihnen leben in Taizé, viele leben dort, wo bittere Armut herrscht.

Taizé Kirche in Ameugny - über tausend Jahre alt
Kirche von Ameugny aus dem 13. Jahrhundert

Im Nachbarort Ameugny (5 min zu Fuß) ist eine Niederlassung des Frauenorden “The Sisters of Saint Andrew” angesiedelt, in der momentan 10 Ordensschwestern aus verschiedenen Ländern leben. Die Geschichte des Ordens geht zurück bis ins Jahr 1231. Seit 1966 gestalten sie mit den Brüdern aus Taizé die Jugendtreffen und das Gemeinschaftsleben.

“Hauptallee” mit Glockenturm in Taizé

Taizé – Ankommen

Taizé ist die erste Station unserer Europa-Tour mit unserem Campervan. Wir parken auf dem Parkplatz vor der Kirche in Ameugny, sind entzückt von dem romantischen Flair und spazieren zur Rezeption nach Taizé. Es dauert eine Weile bis wir sie gefunden haben. Dort sind zwei junge Männer aus Deutschland um uns weiterzuhelfen. Wie wir später erfahren, macht einer davon hier sein Freiwilliges Soziales Jahr nach dem Abitur, ein anderer hat sich für sein BWL-Studium ein Urlaubssemester genommen. Beide etwas wehmütig, dass ihre Zeit hier bald zu Ende sein wird. Es sei eine unglaublich tolle Erfahrung hier gewesen. Wir bekommen einen Wochenplan mit den Programmzeiten (Essen, Andachten, Austauschgruppen/Workshops). Für Erwachsene gibt es einen Campingplatz und Unterkünfte etwas abseits des jugendlichen Trubels. Auch die Austauschrunden und Essensausgabe werden dort stattfinden.

Mein Freund staunt: “So viele Jugendliche! Ich glaub’, ich hab noch keinen Erwachsenen gesehen – doch da ist einer!”. Ich bin immer noch damit beschäftigt meine vergangenen Eindrücke mit den heutigen abzugleichen. Es sind um einiges weniger Menschen da (auch wenn es immer noch bestimmt ein paar Hundert sind), und ich höre hauptsächlich deutsch und französisch. Eine kleine Enttäuschung breitet sich in mir aus. Und auch etwas Sorge – was ist, wenn Taizé nicht mehr das ist, was es mal war?

Das erste Kennenlernen

Die Kennenlern-Runde vertreibt meine Sorgen. Sie wird moderiert von Bruder Matthew, einem Briten, der schon vor einigen Jahrzehnten der Communauté beigetreten ist. Mit seinem typisch britischen Humor bringt er uns alle zum Lachen. Es ist eine heitere und gelöste Atmosphäre. Wir sind zwischen 50 und 100 Erwachsene allen Alters (in Taizé zählt man bis 30 Jahre als “Jugendlich”). Die am weitest hergereisten sind aus den USA, aus Korea und Hongkong. Eine Familie mit drei Kindern aus Schweden, ein junges Paar aus Polen, auch aus Spanien und der Slowakei ist jemand da.

Danach erhalten wir von einer jungen Frau die ersten Informationen zu den Austauschgruppen und zum organisatorischen Ablauf. Sie selbst kommt aus der Schweiz und hat sich ein paar Monate Auszeit genommen. Sie möchte zur Ruhe kommen und ihrem Leben eine neue Richtung geben. Als Jugendliche sei sie zwei Mal hier gewesen und dachte sich welch besseren Ort für eine Veränderung kann es geben?

Beim Abendessen werden wir Tom kennenlernen, eigentlich Schotte, dann in die USA emigriert, kommt schon seit 30 Jahren regelmäßig hierher. Zunächst selbst als junger Erwachsener, reist er nun mit amerikanischen Studentengruppen nach Taizé. Mit dem katholischen Priester aus Hongkong haben wir einen interessanten Austausch über die Situation in China.

Dann ist es schon Zeit für die Abendandacht in der Versöhnungskirche.

Versöhnungskirche

Die heilende Kraft der Musik – den Frieden im Herzen finden

Langsam strömen die Menschen herein, vor den Toren noch heiteres Gewusel, wird es andächtig ruhig wenn sie die Schwelle übertreten. Ein jeder macht es sich auf dem Teppichboden gemütlich. Sitzend, kniend, hockend. Nach und nach kommen die Brüder der Communité in ihren weißen Gewändern um in der Mitte ihren Platz einzunehmen. Die Musik schwillt an, alle stimmen in die Gesänge mit ein. Ich fühle mich getragen von den tiefgreifenden Klängen, die den Raum um mich erfüllen. Innerhalb von wenigen Minuten komme ich zur Ruhe und spüre eine so tiefe friedliche Freude in mir als wäre ich gleichzeitig fest verwurzelt in einer universellen Quelle und gleichzeitig schwebend, bereit meine Flügel auszubreiten.

Die Gottesdienste in Taizé sind keine, wie man sie normalerweise kennt. Sie bestehen hauptsächlich aus meditativem Gesang. Es gibt keine starren Regeln oder Riten. Die Gesänge sind einfache, ins Ohr gehende Melodien, die Texte in verschiedenen Sprachen verfasst. Mal singt man französisch, mal russisch, mal schwedisch, mal deutsch oder englisch.

Selbst beim Hinausgehen singen die Menschen weiter. Viele bleiben auch nach dem Ende der Andacht noch da, versunken in meditativem Singen. Manche legen sich der Länge nach auf den Teppichboden, lassen sich von der Musik durchströmen.

Essen austeilen, Geschirr waschen, Bad putzen, an der Rezeption stehen und Fragen für die Neuankömmlinge beantworten – alles wird von den Gästen selbst übernommen, die sich für die anstehenden Aufgaben zu Beginn jeder Woche neu eintragen. Überall hört man buntes Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen – und natürlich Gesang. Beim Warten in der Essensschlange, beim Abwasch des Geschirrs. Von überall tönen freudige Kanongesänge.

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Frère Roger : Die Güte des Herzens – Eine Kraft, die die Welt verändert

Seine Augen so liebevoller Wärme sehen mich an, tauchen bis in die hintersten Winkel meiner Seele. Tränen steigen in mir auf, tief berührt lege ich das Buch zurück in die Ablage. Seine Liebe und Güte sind so stark, dass sie selbst durch das Foto hindurch noch wirken. Vielleicht sind es aber auch meine Erinnerungen an den lebendigen Frère Roger. Er hatte ein so unglaubliches Charisma, eine Aura von Liebe und Mitgefühl. 

Bücher von und über Frère Roger. Ihn zeichnete Mitgefühl und spirituelles Charisma aus

Auf der Internetseite der Communauté schreiben seine Brüder unter anderem über ihn:

Frère Roger besaß ein allen zugewandtes Herz und eine Güte, die staunen ließ. Güte des Herzens ist aber kein leeres Wort, sondern eine Kraft, die die Welt verändert, weil Gott durch sie am Werk ist. […] Er wollte Barmherzigkeit stets konkret leben, besonders gegenüber Menschen in Armut. Frère Roger zitierte immer wieder die Worte des Augustinus: „Liebe und sage es durch dein Leben.“

Webseite der Communauté Taizé

Er lebte in Armutsvierteln in Afrika und Indien, in Flüchtlingslagern in Thailand, er brachte Flüchtlingsfamilien nach Taizé um ihnen Unterkunft zu geben und ein neues Leben zu ermöglichen. Auch mit Mutter Theresa arbeite er zusammen und verfasste mit ihr mehrere Schriften.

Für die Jugendlichen und Menschen, die nach Taizé kommen wünschte er sich, wie er es einmal in einem Interview formulierte: “den Frieden im Herzen finden, die innere Quelle deines Seins – so dass du dich traust ganz du selbst zu sein, nicht mehr den Wunsch hast dich zu verstellen.”

Hier kannst du mehr über Frère Roger, sein Leben und Wirken erfahren.

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Was ist von “seinem” Taizé geblieben?

Das letzte Mal war ich 2005 mit einer Freundin hier. Wie gut kann ich mich noch an jenen Tag erinnern. An die pure Lebensfreude, die wir mit jungen Erwachsenen aus Kenia, Kamerun, Südamerika, Spanien und so vielen anderen Ländern gelebt haben. Und dann, kurze Zeit später, an den Schock, der uns alle durchflutete. Eine so schreckliche Tat an einem solch friedlichen Ort.

Wird das Taizé, das wir kennengelernt haben, überleben? Was wird Taizé ohne Frère Roger sein?

Nun, fast zwanzig Jahre später, 2022, noch eine weitere Katastrophe – Corona Pandemie – ist überstanden. Und auch Taizé steht immer noch. Etwas weniger Jugendliche als ich das von früher kannte, vermutlich da es immer noch Reiseschwierigkeiten von anderen Kontinenten gibt oder einfach weil es noch nicht Sommer ist.

Munteres Plaudern und herzhaftes Lachen aus verschiedenen Ecken, junge und ältere Menschen, die von innen heraus leuchten. Nach den Gesprächsrunden und Workshops geht es munterer zu: junge Menschen aus aller Welt, die miteinander lachen, musizieren und feiern. Gesang, der jede Tätigkeit hier begleitet und die Menschen miteinander verbindet.

Das ist was Frère Roger mit seinen Brüdern hier geschaffen hat: ein Ort wo die Gemeinschaft – das lebendige Miteinander – das tragende Element ist, ein Ort wo lebensbejahende Spiritualität gelebt werden kann unabhängig von Glaubensrichtungen und Dogmen.

Taizé: ein Ort wo die Seele singt.

Taizé Abendandacht
Abendandacht in Taizé – wo die Seele singt

Taizé erleben – Reisetipp: 

Wenn du einen Ort suchst, an dem du Energie auftanken kannst, dir Klarheit verschaffen möchtest, dich auf lebendigen Austausch über Glauben, Spiritualität und die wichtigen Fragen des Lebens mit anderen freust, dann ist Taizé ein wunderbarer Ort dazu. 

Christlich oder religiös sein musst du nicht (aber es hilft, wenn du einen offenen Geist hast und beim Gedanken an Bibeltexte oder dem Wort „Gott“ keine Anfälle bekommst). 

Auch Familien mit kleinen Kindern (ab 3 Jahre) können nach Taizé kommen. Es gibt für sie spezielle Unterkünfte und auch besondere Zeiten (Familientreffen).

Man sollte minimum eine Woche Zeit mitbringen, Ankunft ist Sonntag oder Samstag Abend. Unter Umständen ist für Erwachsene auch möglich erst Donnerstag Abend oder Freitag für ein Wochenende anzureisen. Abfahrt ist immer Sonntag.

Dieses Busunternehmen bietet Fahrten direkt nach Taizé an: Regenbogen-TourService

Hier die Anmeldeseite für Taizé, hier die Informationsseite für die Erwachsenentreffen (Personen ab 30 Jahre).

Zuhause den Spirit von Taizé erleben

Es gibt in vielen Kirchengemeinden und Städten Menschen, die (manche regelmäßig) Taizé-Andachten oder gar eine “Lange Nacht der Lichter” mit Liedern aus Taizé gestalten. Ein wunderbares Erlebnis!

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